assel.net home . myself . pix . www . about . ascii . poetry . !blog . merchandise . impressum
  • Aktuell
  • Fundstücke
  • Gadgets
  • General
  • Music Library
  • Privatleben
  • WordPressNöte
  • .
  • Login
  • Friday, 26.10.2007

    Verbotene Früchte

    Filed under: General — techno @ 17:29

    Damals, als wir unsere Daten noch analog speicherten, war vieles viel einfacher. Zugegeben, bevor es irgendwann in der 80ern flächendeckend Kopierer gab, musste man Schriftstücke noch abschreiben oder abtippen, um sie zu reproduzieren, aber spätestens in der 90ern hatte so gut wie jedermann die Möglichkeit im Prinzip beliebige Medien zum eigenen Gebrauch zu vervielfältigen. Musik konnte man auf preiswert erhältliche Kassetten überspielen, Filme im Fernsehen ließen sich problemlos auf VHS (oder Video 2000) aufnehmen und Fotos konnte man dank einigermaßen erschwinglicher Bild-vom-Bild-Angebote der Drogerielabore auch dann duplizieren, wenn man kein Negativ dazu besaß.

    Das analoge Kopieren jedoch war immer mit Qualitätsverlusten verbunden, und, schlimmer noch, selbst die Originale nutzten mit der Zeit und bei Benutzung ab. Trotzdem fand man sich damals damit ab. Wer kennt sie nicht, die rauschenden Kassettenkopien mit den Knacksern an den Lieblingsstellen, an denen man viel gespult hat? Wer nennt keine verblichene Fotografie sein eigen? Und wer kennt nicht die schäbigen Kopien von der Kopie von der Kopie des unsäglichen Lametta-Weihnachtsgedichtes? All das war zwar auch damals schon ärgerlich, aber es gehörte irgendwie halt dazu. Wer eine Fotokopie machte, die - etwa auf Grund der Farbe der Vorlage - nicht nur die üblichen schwarzen Streifen am Rand hatte, sondern überdies mit dunkelgrauer Schrift auf hellgrauem Hintergrund eher schlecht lesbar war, konnte damit leben, denn er wußte, daß ein Kopierer nun mal keine Druckpresse ist und Farbkopien, sofern denn überhaupt möglich, ziemlich unbezahlbar. VHS-Videorekorder hatten zwar immer mehr Leseköpfe (um die Qualität von Video 2000 zu erreichen), aber für flimmerfreien Filmgenuß ging man ins Kino, denn das Wort Heimkino gab es noch nicht, zumindest nicht als Bezeichnung für annähernd erschwingliche braune Ware aus dem Kaufhaus.

    Heute jedoch sind wir verwöhnt. Jeder hat schon den (theoretisch) knackfreien Sound einer CD gehört (und einigen ist selbst der nicht gut genug) und kaum einer würde sich heutzutage mit einer Analogkopie auf Kassette zufriedengeben, davon abgesehen daß viele nicht mal mehr das passende Abspielgerät besitzen. Und wenn schon Qualitätsverlust, dann doch bitte die MP3s mit mindestens 320kbit/s encoden, das muß schon sein. Die ersten Heimkinoenthusiasten tauschen derweil gerade ihre DVD-Player gegen Blu-ray- bzw. HD DVD-Geräte aus, 50-Zoll-Fernseher und THX-Surround-Sound-Anlage sind bereits angeschafft. Alle Medien sind inzwischen irgendwie digital, knack- und knitterfrei und lassen sich dementsprechend nicht nur in hoher Qualität wiedergeben, sondern auch kopieren. Nun ja, fast. Denn diejenigen, die mit “Originalen” (also authorisierten Kopien) ihr Geld verdienen, haben schon vor Jahren den Kopierschutz für sich entdeckt und entwickeln entsprechende Verfahren beständig weiter, fast als ob es sonst nichts Wichtiges zu tun gäbe. Offenbar immer noch geschockt von dem angeblich größten Fehler der Musikindustrie, mit der CD praktisch digitale Master in die Läden gestellt zu haben, bemühen sich nun diejenigen, deren Aufgabe es ist, Medien zu verbreiten, emsig darum, genau das zu verhindern. Wo sich wie bei Kaufmusikdateien das Kopieren prinzipbedingt nicht verhindern läßt, werden dem Konsumenten inzwischen kryptographische Hürden in den Weg gelegt, um eine Nutzung außerhalb eines vorher festgelegten Rahmens zu verhindern.

    Es soll hier aber nicht um den Sinn oder Unsinn von Kopierschutzverfahren gehen, oder um die Frage, inwieweit eine Bevormundung des Konsumenten durch die Inhaltsanbieterindustrie abzulehnen ist. Denn allen Verfahren (mit Ausnahme von HDCP) ist gemein, daß es durchaus möglich ist, (legale) Analogkopien des Mediums anzufertigen, wenn auch oft nicht völlig problemlos: Sieht man vom (analogen) Kopierschutz Macrovision ab, läßt sich ein DVD-Film ohne weiteres auf VHS aufnehmen. Auch kopiergeschützte “Un-CDs”, ja selbst SACDs lassen sich auf Kassette überspielen. Wer es denn digital mag, der kann natürlich auch einen Computer mit Video- oder Soundkarte zum Aufnehmen benutzen. Klar, die solchermaßen aufgezeichnete DVD hat weder mehrere Sprachversionen noch zuschaltbare Untertitel, und auch die meist vorhandenen zusätzlichen Surround-Sound-Audiokanäle sowohl der DVD als auch der SACD sind weg, aber, wir denken noch einmal zurück, die Schwarz-Weiß-Fotokopie hatte auch keine Farbe, und der Kassettenkopie der Langspielplatte fehlte schon in der 80ern die Möglichkeit, gezielt ein bestimmtes Stück zum Abspielen auszuwählen.

    Ob dieser Vorschläge zum Anfertigen einer Analogkopie faßt sich natürlich der technikverliebte HiFi-Enthusiast an den Kopf. Warum sollte man auf die Vorzüge der Digitaltechnik verzichten? Warum sich mit den unvermeidbaren Qualitätseinbußen der “analogen Lücke” abgeben? Die entscheidene Frage aber ist: Warum war das früher anders? Warum waren Analogkopien den Menschen 100 Jahre lang gut genug? Warum müssen die Medienkonsumenten von heute unbedingt eine 1:1-Kopie haben?

    Schnotterig gesagt ist die Antwort die gleiche wie die auf die Frage, warum sich Tiere zwischen den Beinen lecken: Weil sie es können. Oder etwas elaborierter: Weil wir die verbotenen Früchte vom Baum der Erkenntnis gegessen haben. Wir wissen, daß es möglich ist, heutige Medien verlustfrei zu duplizieren, deswegen wollen wir das auch tun. Technisch gesehen ist die klassische Beschränkung in der Medienproduktion weggefallen: Jeder kann heute Audio-CDs und Video-DVDs produzieren oder Fotos in Laborqualität einfach auf dem Drucker ausdrucken, und diese Möglichkeit ist natürlich nicht auf die Reproduktion selbsterstellter Medien beschränkt.

    Nun ist es mit dem Baum der Erkenntnis nicht ganz unkompliziert: Viele haben bisher bedauert, für immer aus dem Paradies geworfen worden zu sein, doch bis auf einige Fundamentalisten habe ich noch niemanden sagen hören, er würde zukünftig gerne auf den Genuß von Äpfeln verzichten. Das Rad der Geschichte läßt sich nicht zurückdrehen. Und wenn die Musik- und Filmindustrie heute bedauert, nicht mehr die Hoheit über den Medienvertrieb zu haben, dann kann sie uns zwar ehrlich leid tun - aber mehr eben auch nicht. Andererseits ist niemandem damit geholfen, die Mediendistributoren dafür wüst zu beschimpfen, daß sie verzweifelt versuchen, ihre alte Machtposition zu behalten, und seien die Methoden noch so fraglich. Der Mittelweg ist sicher nicht leicht, aber er könnte zum Beispiel beinhalten, datenträgerlose Kaufmusik eben dort zu kaufen, wo es sie ohne DRM-Gängeleien oder gar ohne digitales Wasserzeichen gibt.

    Im Rahmen ihres T-Home-Angebotes verkauft die Telekom IPTV-Mediareceiver. Empfangene TV-Sendungen können zwar ganz wunderbar auf der eingebauten 80GB-Platte gespeichert werden, aber in digital kommen die dort nie wieder runter, schon gar nicht auf eine DVD. Doch während ich noch am überlegen bin, ob sich das proprietäre Filesystem nicht irgendwie reverseengineeren und das Microsoft-DRM nicht irgendwie knacken läßt, hat mein nicht ganz so technikverblendeter Schwiegervater das Problem eigentlich ganz elegant gelöst: Sendungen, die er geräteunabhängig archivieren will, nimmt er einfach mit seinem DVD-Rekorder auf. Natürlich ist es technisch gesehen Unsinn, Material, das teilweise gar in DVD-kompatiblem MPEG-Format vorliegt, analog auszugeben und dann wieder zu encoden. Trotzdem sieht das Ergebnis besser aus als jedes Kaufvideo aus den 90ern.

    No Comments »

    No comments yet.

    RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

    Leave a comment

    Powered by WordPress